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Die Lektüre mathematischer Literatur wird kaum zuoberst auf Ihrer Bucket List stehen. Doch «Hello World» von Hannah Fry sollten Sie in die Top 10 aufnehmen. Weil es Basiswissen über ein Thema vermittelt, das unsere Arbeit bei der Verbreitung digitaler Inhalte stark beeinflusst, und erst noch Spass macht!

Fangen wir beim Spass an – und auch ganz hinten: Im Schlusswort schreibt die Autorin, dass sie nicht zu den Personen gehört, denen das Schreiben leicht fällt. Ob das ein Understatement ist, sei dahingestellt, aber man merkt dem Buch die Herausforderung von Hannah Fry in keiner Zeile an. Das sperrige Thema kommt leichtfüssig, verständlich und spannend rüber und vermittelt ganz nebenbei Wissen über das, was im Untertitel versprochen wird: «Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern.» Für diese Rezension musste ich das Werk im Bücherstapel meiner Frau suchen, die in einer ganz anderen Branche als ich arbeitet, aber genau so Gefallen gefunden hat am Leitfaden der Mathematikerin, die sich in England längst auch einen Namen gemacht hat als Wissensvermittlerin in Radioshows und TV-Dokumentationen.

Ein kleiner Trick von IBM

Nun zum Inhalt von Hello World: Mit der Digitalisierung hat die Bedeutung von Algorithmen massiv zugenommen. Denn ohne diese Anleitungen für Lösungen unterschiedlichster Probleme würden sich die grossen Datenmengen gar nicht bewältigen lassen, würden uns Amazon, Cumulus und Supercard keine Empfehlungen geben können und wäre Künstliche Intelligenz nicht denkbar. Hannah Fry führt zu Beginn des Buchs kurz ins Thema ein und fesselt ihre Leserinnen und Leser darauf mit einem der wohl bekanntesten Erfolge eines Algorithmus in der Geschichte: Der Niederlage von Garri Kasparow gegen Deep Blue.

Dabei wartet sie mit Hintergrundwissen auf, das nicht auf Wikipedia steht: Die Ingenieure liessen Deep Blue bewusst unsicherer wirken, als er war. Für Millenials: Der amtierende Schachweltmeister Gari Kasparow trat 1997 gegen den von IBM gebauten Rechner an. Es war die erste Turnierniederlage eines Schachweltmeisters gegen einem Computer oder eben Algorithmus.

Das Rezept der Autorin ist so einfach wie auch clever, um mit einer mathematischen Handlungsvorschrift ein grosses Publikum zu erreichen: Sie als Leserin oder Leser bei einem bekannten Thema abholen – von Deep Blue über Justizdatenbanken, selbstfahrenden Autos von Tesla, Google und Co., den Absturz von Air-France-Flug 447 bis hin zur Hitparade –, dann spannende Hintergründe und Erklärungen nachreichen und schliesslich zu einer Bewertung kommen über Chancen und Risiken von Algorithmen für die jeweilige Anwendung.

Auch Computer können sich irren

Vielfach überwiegen für Hannah Fry die Vorteile von Algorithmen. Dass sie auch Gefahren mit sich bringen, verheimlicht sie jedoch nicht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, zwischen dem Wohl des Patienten und dem Wohl der gesamten Bevölkerung abzuwägen: Würde ein Algorithmus bei einem Patienten mit lästigem Husten die Antibiotika-Verschreibung empfehlen oder zum Schutz der Bevölkerung vor Antibiotikaresistenzen darauf verzichten? – Dem einzelnen Patienten würde Antibiotika wohl helfen, doch der Einsatz von Antibiotika bei eher harmlosen Erkrankungen erhöht die Gefahr, dass resistente Bakterien entstehen, was nicht im Interesse der Bevölkerung ist.

Und Fry lässt auch durchschimmern, dass sie gegenüber einem vollständigen Scan ihrer DNA durchaus Bedenken hat, denn schliesslich müsste sie allfällige zu Tage gebrachte Risiken beim Abschluss einer Lebensversicherung angeben.

Alles in allem ist «Hello World» ein Plädoyer dafür, Entscheidungen von Maschinen – wie jede andere Entscheidung auch – kritisch zu hinterfragen und die Stärken von Algorithmen gewinnbringend für die Gesellschaft einzusetzen.

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Viel Spass bei der Lektüre! «Hello World: Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern» gibts in deutscher Sprache als gebundenes Buch und als eBook, das englische Original trägt den Titel «Hello World: How to be Human in the Age of the Machine» und ist als Taschenbuch sowie als eBook erhältlich.